Erwin Wagner

Wege durch die fränkische Rotweinstadt
mit Zeichnungen von Peter Knappe

Herausgegeben vom Förderverein Historisches Klingenberg

Einführung
Durch das Maintal von Norden nach Klingenberg
Von Süden durch das Maintal nach Klingenberg
Von Osten durch den Spessart nach Klingenberg
Rundgang durch die Altstadt
Durch die Schlucht
Zur Burg und zum Aussichtsturm
Durch die Weinberge zum Stadtteil Röllfeld
Nach Trennfurt und zu den Drei Marksteinen
Ein paar Gedanken zum Schluß

Einführung

Altes Rathaus Klingenberg

Das alte Rathaus von Klingenberg

Dieser Beitrag soll keine umfassende Darstellung von Klingenberg a.Main bieten. Auch keine chronologische Zusammenstellung der historischen Abläufe ist beabsichtigt. Vielmehr will es den Besucher und Interessenten mit den Besonderheiten von Gegenwart und Vergangenheit bekannt machen, und ihn dazu ermuntern, Freundschaft mit einer liebenswerten Kleinstadt zu schließen.

Klingenberg liegt auf der westlichen Seite des Mainvierecks, das eines der größten Waldgebiete Deutschlands umschließt und gehört noch zum Freistaat Bayern.

Der Strom trennt Spessart und Odenwald. Er hat hier den Durchbruch durch die Mittelgebirge fast geschafft und wendet sich weiter nach Norden, um bei Aschaffenburg nach Westen in die Ebene zu fließen.

Der mittelalterliche Stadtkern hatte durch seine Lage zwischen Wasser und Berg keine großen räumlichen Ausdehnungsmöglichkeiten. Alt-Klingenberg umfasste 1975 ca. 2.500 Einwohner. Erst im Zuge der Gebietsreform im Jahre 1976 schlossen sich die Gemeinden Röllfeld und Trennfurt mit Klingenberg zu einer Einheit zusammen, die heute ca. 6.000 Einwohner zählt.

Viele Wege führen in die Rotweinstadt. Wir wollen uns nun Klingenberg nähern und dabei die drei Hauptzufahrtsmöglichkeiten ins Auge fassen.

Durch das Maintal von Norden nach Klingenberg

Die Hauptzufahrt führt von Norden her (A 15, B 469) am westlichen Ufer des Mains entlang. Diese Linie bildete in den ersten Jahrhunderten unserer Zeitrechnung die Grenze des Römerreiches gegen die Germanen, den sogenannten Nassen Limes mit den Kastellen Niedernberg, Obernburg und Wörth. Von Wörth aus zog der ältere, mit Palisaden und Wachtürmen befestigte Limes durch den Odenwald zum Neckar. Im zweiten Jahrhundert wurde der Nasse Limes über das Kastell Trennfurt bis Miltenberg verlängert und verband die Stromgebiete von Main und Donau.

Bei Obernburg drängen die Berge des Spessarts auf der gegenüberliegenden Seite näher an den Strom heran und bald sieht man den ersten mit Weinreben bewachsenen Hang, den sogenannten Hohberg. Nachdem wir Wörth durchfahren haben, versperren zunächst Industrieanlagen und hohe Schornsteine die Sicht. Dieser Anblick ist nicht besonders schön, doch dürfen wir nicht vergessen, dass die Menschen nicht von alten Fassaden und von der Vergangenheit leben, sondern ihr Brot in Industrie, Handwerk und Handel verdienen müssen.

Wir biegen nach links zum Ortskern ab und erreichen beim Bahnhof die Brücke, die den Main zur Altstadt hin überquert.

Von hier aus zeigt Klingenberg seine Postkartenseite: Unter den bewaldeten Bergkuppen, inmitten der Weinberge, liegt die Ruine Clingenburg, von der schützend die Flügelmauern zum mittelalterlichen Ortskern herunterziehen, den die Pfarrkirche überragt.

Zur Geschichte dieser Brücke ist etwas anzufügen: In den goldenen Jahrzehnten, als die Stadt durch Überschüsse aus dem Tonbergwerk zu ungeahntem Reichtum gekommen war, beschloss man, eine Brücke zum neuen Bahnhof zu bauen. Sie wurde 1880 in eleganter Stahlkonstruktion errichtet und kostete 210.000 Goldmark, eine für die damalige Zeit unerhörte Summe, die ausschließlich von der Stadt getragen wurde. Die Sensation war jedoch die elektrische Beleuchtung, mit der das Bauwerk später ausgestattet wurde.

Aus Nah und Fern kamen nachts Schaulustige, die das Wunder bestaunten. Die Brücke war die einzige Verbindung von Ufer zu Ufer zwischen Aschaffenburg und Wertheim. Beim Bau der Staustufe 1929 stürzte durch technisches Versehen ein Teil ein, wobei ein Arbeiter ums Leben kam. Die Brücke wurde wieder ausgebessert, endgültig und sinnlos zerstörten sie die zurückgehenden deutschen Truppen am 26. März 1945. In diesen letzten Kriegstagen geriet die Stadt unter amerikanischen Artilleriebeschuss und einige Granaten richteten beträchtlichen Schaden an. Wenige Tage später besetzten amerikanische Truppen die Stadt und der Krieg war vorbei. Unter großen Opfern erbaute die Stadt in den Jahren 1948-49 eine neue Mainbrücke.

Über diese Brücke erreichen wir nun Marktplatz und Rathaus.

Von Süden durch das Maintal nach Klingenberg

Wir fahren von Miltenberg, dem südwestlichsten Eckpunkt des Mainvierecks, am rechten Ufer des Stromes entlang in nördlicher Richtung.

Kurz vor dem Ortsteil Röllfeld bemerken wir links der Straße die Reste eines alten Friedhofs. Obwohl die Parkmöglichkeiten sehr schlecht sind, halten wir an und betreten das Innere der Umfassungsmauern. Wir befinden uns hier an einem historischen Platz, der über einen großen Zeitraum die Geschichte der Gegend geprägt hat. Etwa in der Mitte des Friedhofs befindet sich ein Steinkreuz. Die Inschrift besagt, dass hier einst eine Kirche stand, die 1778 "wegen Altertum" abgerissen worden sei. Hier wollen wir uns ein paar Minuten Zeit lassen und einige Gedanken über die Geschichte des Ortes machen.

Grubinger Friedhof

Nur die Umfassungsmauern und ein Kruzifix erinnern an die alte Grubinger Kirche

Der Sage nach soll Conrad von Bickenbach, der Herr der Clingenburg, nach langen Jahren von einem Kreuzzug heimkehrend, sein in der Fremde abgelegtes Gelübde erfüllt haben. Er hatte versprochen, der Stelle, an der er seine heimatliche Burg zum ersten Male zu Gesicht bekomme, eine Kirche bauen zu lassen.

Diese Legende ist zwar sehr erbaulich, doch nachweislich falsch. Wie wir bereits wissen, standen in den ersten Jahrhunderten die Römer am gegenüberliegenden Ufer des Maines und mussten sich immer heftigerer Angriffe der Germanen erwehren. Um das Jahr 260 gelang den Alemannen der entscheidende Schlag. Sie überrannten den Limes, die Römer mussten ihre Reichsgrenze an die Donau zurückverlegen.

Etwa um diese Zeit dürfte hier eine alemannische Siedlung entstanden sein, der Name Grubingen deutet jedenfalls darauf hin. Dieser blieb auch erhalten, als der Ort längst nicht mehr bestand. Wann an dieser Stelle die erste Kirche gebaut wurde, ist urkundlich nicht überliefert, doch dürfte dies bereits im 9. oder 10. Jahrhundert geschehen sein, denn in dieser Zeit wurde unser Gebiet vom Benediktinerkloster Amorbach aus christianisiert.

Das Gotteshaus von Grubingen war die Mutterkirche für alle umliegenden Siedlungen. Von hier aus wurden die Kirchen in Klingenberg und später auch in Röllfeld gegründet. Da das ursprünglich vorhandene Dorf nicht mehr bestand und den Einwohnern der umliegenden Ortschaften die Wege zur Kirche zu weit erschienen - den jeweiligen Pfarrern ging es im übrigen genauso - wurde die Pfarrstelle im Laufe der Jahre in die Stadt verlegt. Das erhebliche Grubinger Kirchenvermögen wurde aufgeteilt und anderweitig verwendet.

Aufgang zur Pfarrkirche Sankt Pankratius

Malerisch sind die schmalen Gässchen, die von der Hauptstraße zur Kirche führen

Die erste Klingenberger Kirche war die Pankratiuskapelle. Sie wurde im 19. Jahrhundert abgebrochen. Die sogenannte Neue Kapelle wurde 1467 an der Stelle der heutigen Kirche in Alt-Klingenberg gebaut, die Pfarrkirche in Röllfeld 1623 gegründet. Dadurch war das Schicksal der ursprünglichen Mutterkirche Grubingen besiegelt. Sie wurde nicht mehr gepflegt, verfiel zusehends und wurde, wie bereits erwähnt, 1778 endgültig abgerissen. An jener Stelle wurde zum Gedenken ein Steinkreuz errichtet.

Auf unserem Weg in die Stadt gelangen wir nun zum Ortsteil Röllfeld, durchfahren ein Gewerbegebiet und erreichen über die langgezogene Wilhelmstraße die Stadtmitte.

Von Osten durch den Spessart nach Klingenberg

Nachdem wir in Rohrbrunn die Autobahn verlassen haben, führen uns schmale Spessarttäler und bewaldete Höhenrücken einer schönen Mittelgebirgslandschaft nach Klingenberg. Bei Schmachtenberg schlängelt sich die Straße in zahlreichen Kurven hinunter ins Maintal.

Etwa 200 Meter nach einer Haarnadelkurve bemerken wir in der Straße einen deutlichen Knick. Auch ein Geschwindigkeitsbegrenzungsschild weist darauf hin.

Hier werden wir mit einer weiteren Besonderheit konfrontiert, die die Geschichte der Stadt Klingenberg geprägt hat.

Wir befinden uns am Rand eines Tonvorkommens und sehen vor uns die Gebäude des Klingenberger Bergwerkes. Da dieses Bergwerk für die Stadt von großer finanzieller Bedeutung war, wollen wir uns ein wenig mit ihm beschäftigen.

In einer weiten Mulde befindet sich, eingeschlossen vom Buntsandstein, eine Linse von blauem bis schwarzem Ton, der in Qualität und Reinheit auf der Welt einmalig ist. Die Ausdehnung beträgt von Ost nach West 150 bis 200 Meter, von Nord nach Süd ist sie nicht bekannt; die Tiefe liegt bei etwa 70 Meter. Der Ton wurde früher im Tagebau gewonnen, heute nur noch untertage abgebaut. Es ist reinster Ton ohne jede Zwischenschichtung. Die Entstehung des Tonvorkommens ist nicht geklärt, möglicherweise war es die Mitte eines flachen Sees, in die feinste Tone eingeschwemmt wurden. Um eine Meeresablagerung handelt es sich jedenfalls nicht.

Das geförderte Rohmaterial findet Verwendung als hochwertiger feuerfester Bindeton. Auch für die Herstellung von Bleistiften als Beimischung zu Graphit ist er von großer Bedeutung.

Das Tonbergwerk wird erstmals im Jahre 1567 erwähnt. Damals hieß es, die Stadt sei Besitzer einer "Lettongrube".

Der Abbau gestaltet sich schwierig, denn der Ton ist eine zähe Masse, die Schächte und Grubengänge im Laufe der Zeit eindrückt. Die Landschaft ist dadurch in dauernder Veränderung begriffen. So versank eines nachts ein Stück der alten Schmachtenberger Straße, die früher durch das Bergwerksgelände führte.

Bis 1860 war die Tongrube verpachtet, es wurde teilweise Raubbau betrieben. Nach jahrelangem Streit übernahm die Stadt den Abbau in eigener Regie, was sich zu ihrem Vorteil auswirkte. Nun begannen die fünf goldenen Jahrzehnte, die der erste Weltkrieg leider beendete. Die Stadt errang mit ihrem hochwertigen Ton eine Monopolstellung auf dem Weltmarkt, der Absatz wurde begünstigt durch die wachsende Industrialisierung in den Gründerjahren. Um die Jahrhundertwende zählte das Werk 100 Beschäftigte, die bei Förderung und Transport Arbeit fanden.

Um einen Eindruck von der Größenordnung des Reichtums zu gewinnen, der der Stadt zufloss, seien hier einige Zahlen genannt:

1907 betrug der Umsatz 427.000 Goldmark, der Reingewinn 220.000 Goldmark. 1912 Umsatz 600.000 Goldmark, Reingewinn 325.000 Goldmark. Dies waren damals ungeheuere Summen.

Das Geld wurde zweckmäßig angelegt in modernen Bauten, 1866 wurde ein Mainbad eröffnet, 1898 bekam die Damenwelt ihre eigene Abteilung. 1879 wurde mit dem Bau der eleganten Mainbrücke begonnen. Außerdem gelangten die Bürger in die Errungenschaft weiterer moderner Einrichtungen, wie z. B. einer Wasserleitung, der Kanalisation und eines unterirdisch verkabelten Stromnetzes; 1897 wurden Elektrizitätswerk und Schlachthof gebaut. Weiteres wurde für die Verschönerung des Stadtbildes getan. Dem Vernehmen nach soll sich die Stadt auch beim Bau der Würzburger Löwenbrücke beteiligt und dafür eine bedeutende Summe zur Verfügung gestellt haben.

Trotz all dieser Maßnahmen stieg der Gewinn weiter an. Es wurde daher beschlossen, neben dem Erlass aller Steuern ein jährliches Bürgergeld auszuzahlen, das einen gewissen Wohlstand sicherte. Es betrug in den Jahren von 1891 bis 1906 pro Bürger zwischen 200 und 400 Goldmark. In dieser Zeit platzte die Stadt aus allen Nähten. Teile der Stadtmauern wurden abgerissen und die beiden Ausfallstraßen in Richtung Erlenbach und Röllfeld beidseitig bebaut. Dass es bei solchem Wohlstand an Zuzugswilligen nicht fehlte, ist einleuchtend. Deshalb mussten sich Auswärtige, die sich in der Stadt ansiedeln wollten, mit einer großen Summe einkaufen.

Nach dieser Abschweifung zum Tonbergwerk wollen wir nun die kurvenreiche Fahrt am Rande der Schlucht fortsetzen und gelangen alsbald zum Stadtzentrum. Von dieser Schlucht, in früherer Zeit Clinge genannt, haben Stadt und Burg ihren Namen bekommen.

Rundgang durch die Altstadt

Die Fläche der umfriedeten mittelalterlichen Stadt betrug ohne den Schloßweinberg ca. zwei ha. Wenn man bedenkt, dass heute ein Neubaugebiet dieser Größe etwa 60 Einwohner hat, damals jedoch innerhalb der Mauern ca. 800 bis 1000 Menschen lebten, kann man sich die drangvolle Enge vorstellen, die in diesem Bereich herrschte. Neben den Menschen mussten ja auch noch Kühe, Schafe, Ziegen, Federvieh etc., Platz finden. So ist es kein Wunder, dass jedes Fleckchen nutzbringend verwendet wurde.

ehemaliges Gasthaus "Zum Schwert"

Das ehemalige Gasthaus "Zum Schwert" war die älteste Herberge der Rotweinstadt

Man kann natürlich einen Rundgang durch dieses räumlich begrenzte Gebiet in fünf Minuten erledigen, sich an einzelnen schönen Fachwerkhäusern erfreuen oder malerische Ensembles betrachten. Wir wollen uns jedoch heute eine Stunde (oder auch mehr) Zeit lassen und einige Dinge näher in Augenschein nehmen, die dem oberflächlichen Betrachter entgehen.

Wir beginnen unseren Spaziergang am Marktplatz und biegen in die südöstliche Straße ein, die zur Kirche führt. Das große stattliche Gebäude zur linken Hand wurde 1852 als Königlich Bayerisches Landgericht erbaut. An dieser Stelle stand früher einer der drei Stadttürme. Die daneben befindliche Pankratiuskapelle aus dem 13. Jahrhundert musste dem Neubau des Gerichts weichen. Sie war das älteste Gotteshaus in der Stadt und wurde als Filiale von Grubingen errichtet.

Vor uns sehen wir ein paar hübsch renovierte Fachwerkhäuser, eines davon mit einem schmiedeeisernen Schild. Wir steigen nun die Treppen zur Kirche empor. Am Portal derselben können wir die Inschrift lesen "prolongata, restaurata et consecrata anno 1892".

Die Kirche entstand als sogenannte "Neue Kapelle" 1467, älteste Teile sind der rein gotische Chor und die Sakristei. Ein neuer Kirchturm wurde 1617 erbaut und das Langschiff an den Chor angefügt. Es reichte etwa bis zur heutigen Empore. Wie die Inschrift am Portal besagt, wurde sie im Jahre 1892 zu ihrem heutigen Grundriss erweitert.

Rechts und links des gotischen Hochaltars befinden sich zwei schöne Grabplatten.

Die Linke ist dem Erbauer des Stadtschlosses gewidmet, Hans Leonhard Kottwitz von Aulenbach, der als Amtmann des Mainzer Erzbischofs die Stadt verwaltete. Sie trägt das Datum 1575. Auf der rechten Seite befindet sich das Epitaph des Barons Augustin Maximilian von Mairhofen. Diese Familie fungierte seit etwa 1700 als Kurmainzische Verwalter.

Wir umrunden die Kirche und werfen einen Blick in den alten, nunmehr aufgelassenen Friedhof. Hier finden wir noch einige unleserliche Grabsteine, eine Kapelle mit alten Grabplatten, davor ein Kruzifix aus dem Jahre 1615. Der übrige Teil des ehemaligen Friedhofs wird heute zum biologischen Anbau von Früchten und Gemüse genutzt.

Wir steigen nun die linke Treppe hinab und befinden uns im ältesten Teil der Stadt. Vor uns steht zur rechten Seite der stattliche Bau des alten Rentamtes, das zuerst Sitz der Kurfürstlichen Kellerei war und später verschiedene Ämter und Verwaltungen beherbergte. Links befindet sich die erste nachgewiesene Klingenberger Schule. Ein Rundbogen aus dem 16. Jahrhundert führt uns in den Hof der ehemaligen Zehntscheuer. Hier wurden die Abgaben der Untertanen, meist Naturalien, aufbewahrt. Später diente das Gebäude als Gefängnis.

Drei Treppen führen hinunter in die Hauptstraße: Nördlich des Rentamtes das sogenannte Teufelsgässchen, eine weitere zwischen Rentamt und Schule, wir benutzen jedoch die südlichste und gelangen an der Rückseite des ehemaligen Gasthauses "Zum Schwert" vorbei dorthin. Hier wollen wir ein paar Augenblicke verweilen. Wir sehen vor uns den letzten erhaltenen Torturm der Stadtbefestigung, den Brunntorturm. Der Unterbau stammt vermutlich aus dem 13. Jahrhundert, das Obergeschoss aus dem 16., der Helm aus dem 18. Jahrhundert. Im Innern des Turmes befindet sich eine Arrestzelle mit Inschriften der damaligen Inhaftierten. Die Wappen zeigen das Mainzer Rad und das Emblem des Erzbischofs Johann Schweickard von Kronberg, dem Erbauer des Aschaffenburger Schlosses. Rechts des Turmes sehen wir ein altes Fachwerkhaus aus dem Jahre 1590, links werfen wir einen Blick in den südländisch anmutenden sogenannten "Hühnerhof".

Wir nehmen nun das nächste Gässchen, das in Richtung Main führt und kommen in die Mainstraße, im Volksmund "Fröschgasse" genannt. Wir erreichen beim Gasthof "Zum Bären" die Lindenstraße, wo es wieder einiges zu betrachten gibt.

Hofstraße mit Eingang zum Schloß Mairhofen

Das Renaissance-Torhaus gibt der Hofstraße ihr nobles Gepräge

Ein oft verwendetes Motiv der Künstler ist der malerische Blick auf die Fachwerkhäuser mit der Kirche und der Burgruine. Am vorletzten Haus rechts in der Mainstraße finden wir das Zeichen der Steinmetzfamilie Vill mit der Jahreszahl 1713. Das gleiche Zeichen und die Jahreszahl 1688 befindet sich beim Gasthaus "Zum Bären". Die Gebrüder Vill schufen viele Steinmetzarbeiten an zahlreichen Kirchen in der Umgebung, auch im Kloster Himmelthal und an der Wallfahrtskirche von Walldürn.

Wir gehen die Straße weiter aufwärts und sehen vor uns das wohl schönste Fachwerkhaus Klingenbergs, das alte Rathaus, erbaut im Jahre 1561. Ursprünglich befanden sich im Erdgeschoß Arkaden, in denen Handel getrieben wurde. Diese wurden jedoch beim Umbau 1906 zugemauert.

In der ganzen Stadt finden wir kein vor 1560 erbautes Haus. Der Grund ist darin zu suchen, dass im sogenannten Markgräflerkrieg die räuberischen Horden des Markgrafen Albrecht Alkibiades von Brandenburg brandschatzend durch das Maintal zogen. Auch die Stadt Klingenberg fiel damals der Raublust zum Opfer und wurde vollständig niedergebrannt. Bei Grabarbeiten kann man noch heute Überreste der alten Fundamente finden, die davon zeugen, dass vor dem Brand die Straßen in der Altstadt noch enger und winkeliger waren.

Vor uns liegt der interessante Fachwerkbau des ehemaligen Gasthauses "Zum Schwert". Es wurde zum ersten Mal im Jahre 1473 urkundlich erwähnt, und dürfte somit zu den ältesten Gasthäusern in ganz Deutschland zählen, wobei es sich unbedingt mit dem berühmteren Gasthaus "Zum Riesen" in Miltenberg messen kann.

Er könnte sich auch vom Schwertwirt die Geschichte erzählen lassen, als im Jahre 1688 einem seiner Vorgänger durch einen räuberischen Trupp französischer Dragoner die rechte Hand abgeschlagen wurde, weil der Ahnherr sich weigerte, den begehrten Rotwein auszuschenken.

Eine ähnliche Geschichte ist vom gegenüberliegenden ehemaligen Gasthaus "Zur Krone" überliefert, das ebenfalls zu den ältesten Herbergen der Stadt zählte. Hier gab es am 24. August 1796 zwischen den französischen Besatzungssoldaten und Einheimischen eine blutige Schlägerei, bei der es auf französischer Seite einige Schwerverletzte, bei den Klingenbergern jedoch zwei Tote gab. Streitursache war wiederum der berühmte Burgunder.

Hauptstraße

Der Brunntorturm grenzte früher die Altstadt nach Süden ab

Die Stadt war im Laufe der Zeit vielfach Ziel durchziehender fremder Truppen, was wohl auch dem guten Ruf des einheimischen Rotweines zu verdanken war. Selbst König Gustav Adolf soll sich an einigen Maß diesen edlen Tropfens delektiert haben.

Wir gehen nun die Hauptstraße Richtung Marktplatz und betrachten dabei einige bemerkenswerte Gebäude, so das Haus Nummer 27 und die Vorderseite des Rentamtes mit dem Eingang zu den ehemaligen Kurfürstlichen Weinkellern. Daneben befindet sich ein Haus mit der Jahreszahl 1606 und den Initialen IHS, die auf die Anwesenheit von Jesuiten hindeuten. Der vorhandene Weinkeller bezeugt, dass auch die geistlichen Herren einem edlen Tropfen nicht abhold waren. Am Ende der Straße steht rechts ein schmalbrüstiges Fachwerkhaus, dessen zugemauerter Keller ebenfalls auf den Weinbau hinweist. Die Ställe für das Vieh lagen zu ebener Erde, waren aber nur durch eine Treppe zu erreichen. Deshalb war das Klingenberger Rindvieh im Treppensteigen bestens geübt.

Wir wenden uns nach links, durch die Straße in der Altstadt, und beim Feuerwehrgerätehaus nochmals links. Das Eckhaus ist mit schönen geschnitzten Säulen verziert. Am Haus schräg gegenüber befindet sich ein Eckbalken, dessen Schnitzwerk schon manchen zum Nachdenken über Bedeutung und Herkunft veranlasst hat.

Die Überlieferung sagt darüber nichts aus und jedermann kann seine eigene Phantasie bei der Deutung dieser Figur walten lassen.

Der Verfasser hat sich für folgende Möglichkeit entschieden: Infolge der Lage am Wasser haben früher wie heute einige Klingenberger den Beruf des Seemannes ergriffen. Dabei haben sie alle Weltmeere befahren und wohl manche Abenteuer erlebt. Solch ein heimkehrender Seefahrer wird es auch gewesen sein, der seinen, vielleicht amourösen, Erlebnissen in der Südsee hier ein Denkmal gesetzt hat.

Wir biegen rechts ab, kommen in die Hofstraße und stehen vor dem Eingang zum ehemaligen Stadtschloss. Hier überkommt uns etwas Wehmut. Dieses Eckchen könnte eines der schönsten und romantischsten in der ganzen Stadt sein, wenn nicht alle Fachwerkfassaden bis auf eine mit Verputz oder Kunststoffplatten verdeckt wären. Möglicherweise wird hier im Laufe der Zeit von den Eigentümern mit Unterstützung der Behörden einiges getan, um den ursprünglichen Zustand wieder herzustellen.

Man sollte es nicht versäumen, den Schlosshof zu betreten. Über dem Torbau findet man die Jahreszahl 1563, darüber die Zahl 1693 und das Mairhof‘sche Wappen. Erbaut wurde das Schloss um 1560 durch Hans Leonhard Kottwitz von Aulenbach, der als Kurmainzischer Amtmann in Klingenberg eingesetzt war. Im Jahre 1693 wurde dieses Geschlecht von dem der Mairhofen abgelöst.

Wir begeben uns zurück zum Gasthaus "Zum Bären". Hier stand einst der dritte Torturm, das Maintor. Wir gehen an den Lindenflecken, wo alljährlich um den großen Weinpokal das Winzerfest stattfindet, vorbei. Wer einmal die romantischen, buntgeschmückten Lauben besucht und sich an einigen Schoppen Klingenberger gelabt hat, wird dieses Fest wohl nicht so schnell vergessen. Aber auch die Häckerwirtschaften, in denen die Winzer reihum in ihrer guten Stube den selbstgebauten Wein ausschenken, sind ein Erlebnis besonderer Art und jedem zu empfehlen, der Kontakt mit der einheimischen Bevölkerung sucht und den Frankenwein liebt.

Beim jetzigen Rathaus, dem ehemaligen Gasthaus "Zum Ochsen", begeben wir uns durch den Hof in den früheren Schlossgarten. Dieser Schlosspark war in der Rokkokozeit angelegt worden, hatte herrliche Sandsteinfiguren, Schäferinnen und Heilige und in der Mitte einen großen Brunnen. In seiner ursprünglichen Anlage umfasste er mehr als das doppelte des heutigen Areals. Sehenswert ist auch das Teehaus an der Westseite, das mit dem Anlagen des Rosengartens neu restauriert wurde.

Wir verlassen den Schlosspark durch den Torbogen in nördlicher Richtung, umrunden die 1966 eingeweihte evangelische Kirche und kommen über die Von-Mairhofen-Straße wieder zurück zu unserem Ausgangspunkt, dem Marktplatz.

Durch die Schlucht

Der Zugang zur Schlucht befindet sich an der nordöstlichen Seite des Marktplatzes gegenüber der Post. Hier hängt auch die Hinweistafel über die markierten Wanderwege. Der vordere Teil ist noch mit alten Scheunen und Schuppen bebaut, rechterhand sind Keller bis zu 30 m tief in den Fels des Schlossberges getrieben, die heute noch benutzt werden. Hier lässt sich der Wein durch die gleichbleibende Temperatur besonders gut lagern.

An dieser Felswand kann man sehr schön die waagrechten Schichtungen des Gesteins beobachten. Für Fachleute sind fünf Schichten des roten Buntsandsteins aus verschiedenen Zeitaltern zu erkennen. Auch an heißen Tagen ist es in diesem Taleinschnitt immer dämmrig und angenehm kühl, da die Sonne nie den Grund erreicht.

Über die Schlucht spannt sich die Brücke, auf der die Fahrstraße zur Burg führt. Sie ist mit ihrer Sandsteinverkleidung ein Musterbeispiel dafür, wie sich ein Kunstbauwerk geschickt in die Natur einfügen kann. Wie aus den Felsen zu beiden Seiten gewachsen, spannt sich der Bogen über die Tiefe, so als ob er von jeher ein Teil dieses Bildes gewesen sei.

Wildromantisch wird der Weg hinter der Brücke. Tief hat sich das kleine Rinnsal des Seltenbaches in den weichen Stein gefressen und dabei Wände, Überhänge und Felsnasen gebildet. An dem herabgefallenen Geröll erkennt man, wie stark und schnell der Zahn der Zeit hier nagt. Nach einem Felsvorsprung, der bei einiger Phantasie wie ein menschliches Gesicht wirkt, zweigt rechts ein Weg zur Burg ab. Wir gehen jedoch den Pfad weiter, der am Bach entlang verläuft und diesen mit kleinen Stegen mehrmals überquert. Überall an den Hängen liegen entwurzelte Baumriesen, versperren manchmal den Weg, und geben Zeugnis davon, dass hier in der Schlucht das Erdreich ständig in Bewegung ist und die Erosion laufend Veränderungen bewirkt.

Auf der Höhe des Bergwerkes stoßen wir auf die geteerte Straße. Wir gehen links bis zur Kreuzung und wenden uns dann nach rechts in Richtung Mechenhard. Nach 200 m biegt links ein Feldweg ab, dem wir nunmehr folgen.

Nach ca. 10 - 15 Minuten Gehzeit kommen wir an eine Kreuzung. Der linke Pfad ist über die Mechenharder Treppe die kürzeste Verbindung zur Altstadt.

Wer noch Kondition für eine gute Stunde Gehzeit hat, wandert geradeaus weiter, der Markierung mit der Nummer 3 folgend. Dieser Weg trägt die Bezeichnung Armesünderweg. Er führt zur Berghöhe, dann eine Weile am Wald entlang und auf einem sich verengenden Pfad weiter zum einstigen Klingenberger Galgen. Das dreieckig gemauerte Fundament ist noch erhalten. Hier dürften einst drei Hochbalken mit entsprechenden Querbalken gestanden haben. Nun wird auch der Name des Weges verständlich: Auf ihm wurden im Mittelalter die Verurteilten zu ihrem letzten Gang aus der Stadt herausgeführt. Der letzte Trost für die Ärmsten mag der schöne Blick auf das Maintal und den Odenwald gewesen sein.

Der Maingau war im Mittelalter in die drei Centen Ostheim, Aschaffenburg und Zur Eich eingeteilt. Letztere hatte ihren Sitz in Klingenberg und der jeweilige Herrscher übte die damit verbundene Gerichtsbarkeit einschließlich des Hochgerichtes aus. Gerichtsort war die alte Linde vor dem Maintor.

Einen traurigen Höhepunkt erreichten die Hinrichtungen in der Zeit der Hexenverfolgung. Das Hochgericht bestand aus dem Vorsitzenden, dem Stabrichter und 14 Schöffen. Seinen Oberhof (Berufungsinstanz) hatte Klingenberg früher in der freien Reichsstadt Frankfurt, in mainzischer Zeit wurde er nach Miltenberg verlegt.

Die Wegmarkierung "R" führt uns noch ein Stück in Richtung Erlenbach, der Weinbergsweg bringt uns wieder zur Stadt zurück.

Zur Burg und zum Aussichtsturm

Diese Wanderung erfordert etwas Kondition, denn es ist ein Höhenunterschied von ca. 200 m zu überwinden. Zur Burg führen mehrere Wege. Wir wählen den Zugang durch die Schlucht. Etwa 200 m hinter der Brücke zieht nach rechts ein Einschnitt hoch, wir folgen dem Pfad, der mit den Nummern 2 und 7 markiert ist.

Zwischen beiden Schluchten befindet sich ein Bergrücken. Hier ist der Standort der ersten Klingenberger Burganlage zu suchen, die sogenannte Altepurg, urkundlich mehrfach als Vorgängerin der jetzigen Burg erwähnt. Erhärtet wird die Kenntnis von der Lage der Burg durch eine Spessartkarte aus dem Jahre 1594 von Paul Pfinzing, in der ein Bauwerk am Zusammenfluß der beiden Klingen dargestellt ist. Es handelte sich um eine Turmhügelburg, von der heute nur noch geringfügige Mauerreste auf einem künstlich überhöhten Hügel mit Halsgraben vorhanden sind.

Der Pfad führt uns weiter zum Schützenhaus, wo wir auf der geteerten Fahrstraße zur staufischen Ruine Clingenburg gelangen. Das Datum ihrer Erbauung kann nicht genau ermittelt werden, doch dürfte sie im Jahre 1177 fertiggestellt gewesen sein. Bekannt ist ihr Erbauer, der kaiserliche Schenk Conradus Colbo oder de Clingenburg, wie er sich ab diesem Datum nannte. Tatsache ist auch, dass das Gebäude niemals Raubrittern als Unterschlupf diente, sieht man von der Erhebung der Zehnten und Steuern ab, die die abhängigen Ortschaften entrichten mussten.

alte Holzbrücke diente als Zugang zur Burg
Nur zerfallenes Gemäuer ist von der einst stolzen Clingenburg geblieben

Die Burgen entlang der großen Ströme wurden unter dem damaligen Kaiser Friedrich I. Barbarossa systematisch errichtet und hatten mehrere Aufgaben:

  1. Sie mussten die Handelswege vor räuberischem Gesindel schützen,
  2. durch die Straffung der Gerichtsbarkeit, die mit der Cent verbunden war, Ordnung und Sicherheit im Reich gewährleisten,
  3. den reichs- und kaisertreuen Vasallen eine gewisse finanzielle Unabhängigkeit garantieren.

Zwei adelige Sippen bestimmten die Geschichte von Burg und Stadt Klingenberg. Die Familie der Schenken herrschte bis zum Jahr 1256 in ihren Mauern. Ihre Angehörigen dienten den Kaisern in höchsten Ämtern. Ein neues Geschlecht begründete durch Einheirat der Minnesänger Conrad von Bickenbach. Er ehelichte Guda, die Witwe des letzten Schenken. Die Nachkommen des Paares residierten noch zweieinhalb Jahrhunderte auf Clingenburg. Edelherr Conrad ist der bekannteste der Klingenberger Burgherren.

Ein weiterer Bickenbacher, Michael, gelangte zu Ruhm, weil er dem mächtigen Frankfurt den Fehdehandschuh hinwarf und mit 200 Berittenen vor den Toren der Stadt auftauchte.

Die Pfeffersäcke revanchierten sich dadurch, dass sie gegen eine seiner Burgen zu Felde zogen, sie anno 1463 eroberten und niederbrannten. Schließlich entledigten sich die Frankfurter ihres Gegners, indem sie ihn zu ihrem Stadthauptmann machten. Er starb 1471 und wurde mit höchsten Ehren in Amorbach begraben.

Auch die Clingenburg erlitt durch den Mainzer Erzbischof ein ähnliches Schicksal. Sie wurde zerstört, aber 1469 wieder aufgebaut. Bald darauf, anno 1483 starb der letzte Bickenbacher. Stadt und Burg fielen nach langjährigen Streitigkeiten an das Erzbistum Mainz, zu dessen Oberstift sie bis 1803 gehörten.

Einmal noch stand die Burg im Brennpunkt des Interesses, als im Bauernkrieg 1525 die Aufständischen, denen die Stadt kampflos die Tore geöffnet hatte, die Mauern berannten. Nachdem man tags zuvor die kurmainzischen Keller geplündert und dort selbst dem Klingenberger Roten allzu sehr zugesprochen hatte, bestürmte man mit schwerem Kopf vergebens die Feste. Nur die Eroberung des Burghofs gelang, das Zentrum selbst wurde von der Besatzung solange gehalten, bis Entsatz eintraf und die Bauern verjagte. Es folgte ein furchtbares Strafgericht, bei dem die Stadt fast alle ihre Rechte verlor.

Der kurmainzische Amtmann wohnte bis Ende des 16. Jahrhunderts in der Burg. Mit der Erfindung des Schießpulvers und mauerbrechender Waffen wurde sie jedoch als Verteidigungsanlage wertlos. Man errichtete in der Stadt selbst ein Schloss, die Burg verfiel im Lauf der Jahrhunderte. So wird berichtet, dass am 20. Mai 1818 ein Teil des Turmes mit großem Gepolter einstürzte und die Bürger erschreckte. 1871 erwarb die Stadt die Ruine und baute sie zum Festplatz aus.

Wir nehmen nun den Pfad, der uns in einigen Serpentinen zum Aussichtsturm führt. Dieser steht inmitten einer Ringwallanlage, deren Herkunft noch nicht geklärt ist.

Der äußere ovale Ring dürfte vorgeschichtlichen Alters sein, das Kernwerk wurde wahrscheinlich im Mittelalter hinzugefügt. Der Wall gewährte in den verschiedensten Jahrhunderten den Menschen und ihrem Vieh Schutz vor räuberischen Überfällen. Der Aussichtsturm wurde im Jahre 1906 erbaut und ermöglicht eine herrliche Fernsicht über das Maintal und die Höhen von Odenwald und Spessart. An seinem Fuß bietet eine Schutzhütte des Spessartbundes dem Wanderer Obdach.

Sie ist jedoch nur an den Wochenenden und an Feiertagen bewirtschaftet. Von hier aus können wir entweder über die Burg zur Stadt zurückkehren, oder wir wählen zwischen einem Weg, der uns in den Stadtteil Röllfeld führt und einem Waldpfad zur romantisch gelegenen Paradeismühle.

Durch die Weinberge zum Stadtteil Röllfeld

Bis zur Burg nehmen wir den Weg, der vom Haus des Gastes zur Höhe ansteigt. In den Gärten entdecken wir Pflanzen, die eigentlich nicht in unsere Gefilde passen: Pfirsich-, Aprikosen-, Mandel- und Walnußbäume sowie Edelkastanien. Sie weisen darauf hin, dass wir uns in einer klimatisch besonders begünstigten Gegend befinden.

Die Jahresdurchschnittstemperatur liegt bei + 9° C, der Jahresdurchschnitt der Niederschlagsmenge beträgt ca. 700 mm.

Rund um die Röllfelder Kirche gruppieren sich behäbige Fachwerkhäuser und Gasthöfe

Drei Dinge sind es, die dem Klingenberger Wein zu seiner excellenten Qualität verhelfen: Zum ersten das milde Klima, durch das der Frühling eher beginnt als in anderen Gebieten, zum zweiten die extreme Hangneigung von 70 bis 80 %, die einen günstigen Einfallswinkel der Sonnenstrahlen zur Folge hat, zum dritten der Buntsandstein, der die am Tag eingefangene Sonnenwärme speichert und nachts wieder abgibt. Ein Trugschluss ist es jedoch, dass der berühmte Burgunder mit der roten Farbe des Untergrundes etwas zu tun hätte.

Einen schönen Anblick bieten die Hänge im Herbst, wenn, bedingt durch die verschiedenen Rebsorten und Brachflächen, die Weinberge wie Fleckerlteppiche aussehen. Was dem Auge schmeichelt, ist keine Freude für die Winzer. Mühsam ist die Bearbeitung der Rebflächen, deren Steillage nur eine Querzeilung ermöglicht. Maschinen können auf den schmalen, durch Trockenmauern gehaltenen Terrassen nicht eingesetzt werden. Doch verwandelt sich letztlich der Winzerschweiß trotzdem in klingende Münze, weil der Klingenberger Spätburgunder durch seinen legendären Ruf stets seinen Preis erzielt.

An der Röllfelder Gemarkungsgrenze verengt sich der Weg zum Pfad und führt durch schattenspendendes Gebüsch zum Stadtteil Röllfeld.

Während man die Klingenberger im Volksmund Spatzen und die Trennfurter Türken nennt, haben die Röllfelder den Spitznamen Sandhasen bekommen. Vielleicht deshalb, weil ihre sandigen Äcker nur einen geringen Ertrag abwerfen. Die Röllfelder haben den Wert dieser Äcker dadurch verbessert, dass sie dieselben in Bauplätze umwandeln, die wegen ihrer idealen Südwestlage sehr begehrt sind. Mehrere Fachwerkhäuser in der Langgasse und im Ortskern erinnern daran, dass es auch hier einiges zu erhalten gibt.

Stimmungsbild aus Alt-Röllfeld

Mittelpunkt des Ortes ist die Kirche. Wie bereits erwähnt, wurde sie aus dem Grubinger Kirchenvermögen als Filialkirche im Jahre 1624 vollendet. Der Hauptaltar und die beiden Seitenaltäre sind in barockem Stil errichtet. Erwähnenswert ist ein ausdrucksstarkes, lebensgroßes Kruzifix aus dem 16. Jahrhundert, das sich an der linken Seite des Chores befindet, ein Relikt aus dem Grubinger Gotteshaus. Die Kirchenornate und die wertvollen liturgischen Geräte stammen aus der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts.

Nach dem Besuch der Kirche wandern wir am ehemaligen Rathaus vorbei, dessen schönes Fachwerk einen Blick wert ist. Die alte Dorfschmiede wurde vor der Zerstörung gerettet und wird im Heimatmuseum wieder aufgebaut. Ebenso fand ein von Autoabgasen bedrohter Dreikönigsbildstock von 1608 einen neuen, sicheren Platz an der Spessartstraße.

An der Einmündung der Himmelthaler Straße in die Ortsdurchfahrt befindet sich ein weiterer Bildstock mit einer schönen Pieta aus dem Jahre 1799. Hier biegen wir links ab und nehmen die nächste Straße nach rechts, die zum Main führt. Am Fluss entlang wandern wir zurück nach Klingenberg, es sei denn, wir lassen uns von der bekannt guten Küche der Röllfelder Gastronomen zu einer längeren Rast verleiten.

Bereits in vorgeschichtlicher Zeit wurde das Urstromtal des Maines von nomadisierenden Völkerstämmen durchzogen.

Später bildete der Fluss die Grenze des römischen Weltreichs. Seit dem Mittelalter nutzt man ihn als Wasserstraße, auf der Personen und Massengüter befördert werden. Der Leinpfad, auf dem wir gehen, diente den Schiffern zum Treideln, d. h. die Lastkähne wurden mit Pferden bergan gezogen. Nach der Erfindung der Dampfmaschine zog sich die Mainkuh, eines der ersten Eisenschiffe mit Dampfkraft, an einer auf dem Grund des Stromes befindlichen Kette bis nach Bamberg. Dabei schleppte sie einen ganzen Pulk von Lastkähnen mainaufwärts. Heute befahren moderne Frachtschiffe die Wasserstraße.

Blick über den Main nach Trennfurt

Aus dem Feuer neu entstanden:
Die Trennfurter Pfarrkirche Sankt Maria Magdalena inmitten des alten Ortskernes

 

Auch den Fischern verhalf das Wasser zu ihrem täglichen Brot. Die Klingenberger Fischerzunft hat eine jahrhundertealte Tradition, in Zunftlade und Zunftbuch überliefert. Die Fischrechte reichen von Freudenberg bis Kleinwallstadt.

Heute werden auf dem Main alle Arten von Wassersport betrieben. Es ist zu hoffen, dass durch die fortschreitende Klärung der Abwässer bald wieder mit gutem Gewissen im Fluss gebadet werden kann.

Das Kraftwerk und der Damm wurden in den zwanziger Jahren dieses Jahrhunderts erbaut, letzterer schützt seitdem die Stadt vor den verheerenden Hochwassern (siehe verschiedene Hochwassermarken, z.B. am alten Rathaus).

Nach Trennfurt und zu den Drei Marksteinen

 

Blick in die Trennfurter Straße

Kirche und Bürgerhäuser bilden in Trennfurt ein malerisches Ensemble

Bei dieser Wanderung wollen wir uns den dritten Ortsteil der Stadt ansehen und versuchen, dort etwas Interessantes zu entdecken.

Der Name Trennfurt (von Tribunfurt) deutet darauf hin, dass sich hier früher eine Übergangsstelle über den Main befand, über die man Vieh zur anderen Flußseite getrieben hat.

Was ist in diesem Ortsteil außer der Schleuse und dem Schwimmbad von Bedeutung oder sehenswert? Diese Frage stellten wir einigen Einheimischen. "Was soll es in diesem Kuhdorf schon besonderes geben?" war die Antwort. Wir sind da etwas anderer Ansicht.

Innerhalb der Stadtgemeinde wird oft die Frage gestellt, welcher der drei Ortsteile der älteste sei. Röllfeld hat heidnische Hügelgräber, Klingenberg seinen Ringwall, Trennfurt das Römerkastell. Tatsache ist jedenfalls, dass die erste urkundliche Erwähnung von Tribunfurt (neben Rochiuelt, in dem man Röllfeld vermutet) bereits in karolingischer Zeit Mitte des 9. Jahrhunderts erfolgt ist, also mehr als drei Jahrhunderte vor Klingenberg. Aus verschiedenen Besitzrechten und -ansprüchen kann man schließen, dass das Dorf zu den ältesten Ansiedlungen in der Umgebung gehört. Einen sichtbaren Beweis für die Existenz eines befestigten römischen Platzes findet man in der Eingangshalle der Pfarrkirche. Hier ist ein kleiner römischer Altar eingemauert, der von der 22. Legion gestiftet und Jupiter, Silvanus und Diana geweiht ist. Ein weiterer Weihstein, der dem Neptun gewidmet war, ist verlorengegangen.

Ankergasse

Dörfliche Idylle:
Der Brunnen in der Ankergasse

Das Kastell wurde genau lokalisiert, es lag zwischen den Albertwerken und der Bahnlinie, war ein Rechteck von 90 mal 65 m, und gehörte zu dem um 150 n. Chr. errichteten jüngeren Limes, der bei Miltenberg den Main in südlicher Richtung verlässt.

Die Gelehrten sind sich nicht einig, ob es nur als Lager für Holzfällerkommandos diente oder dauerhaft befestigt und mit einer ständigen Besatzung versehen war. Zutreffend dürfte die letztere Annahme sein, dafür sprechen die erwähnten Weihsteine, die Lage an einem Flussübergang gegenüber von zwei Taleinschnitten und das Fehlen weiterer Kastelle bis Miltenberg.

Nach dem Abzug der Römer kann eine gewisse kontinuierliche Besiedelung angenommen werden.

Die erste Trennfurter Kirche soll aus dem 13. Jahrhundert stammen. Die romanischen Überreste finden wir an der Südwestseite gegen den Friedhof zu. Diese Wehrkirche muss damals neben der Funktion als Gotteshaus auch als Fliehburg und herrschaftlicher Stützpunkt gedient haben.

Das heutige Bauwerk wurde 1754 vom Mainzer Erzbischof errichtet. Das Schiff brannte nach einem Blitzschlag am 4. Juli 1975 völlig aus und wurde in modernem Stil neu gestaltet. Ein malerisches Ensemble bildet die Kirche gemeinsam mit einigen Fachwerkhäusern der Hauptstraße. Auch die Ankergasse mit dem Brunnen und noch unter Putz verborgenen Schönheiten wäre mit einzubeziehen. Die Jahreszahl 1705 beim Haus Nr. 5, die geschnitzten Eckbalken gegenüber, ebenso deutlich erkennbares Fachwerk am Gasthaus Zum Anker weisen auf alten, restaurierenswerten Baubestand hin.

Am südlichen Ortsende lädt eine Wegkapelle zu kurzer Rast. Sie trägt die Jahreszahl 1777. Dann folgen wir der Straße, die rechts in das Tal abbiegt, und deren linke Abzweigung zum Schützenhaus führt.

Ortsansicht Röllfeld
Mittelpunkt von Alt-Röllfeld ist die im Jahre 1624 erbaute Pfarrkirche Maria Himmelfahrt

Nach 20 Minuten Gehzeit müssen wir uns zwischen drei Wegen entscheiden. Wir wählen den mittleren, der uns mit mäßiger, aber stetiger Steigung durch den Wald in mehr als einer Stunde zum westlichsten und zugleich höchsten Punkt der Gemarkung bringt. Zu den Drei Marksteinen heißt diese Stelle, drei Herrschaftsbereiche stießen hier aneinander: Die Herrschaft Breuberg, die des Erzbistums Mainz und die der Bickenbacher auf Clingenburg. Zwei Grenzsteine sind fast zerstört, der dritte jedoch zeigt seine alten Wappen noch in voller Schönheit: Das Mainzer Rad und die Rauten der Bickenbacher.

Heute noch ist hier die Grenze zwischen dem Bundesland Hessen und dem Freistaat Bayern. Früher war diese Straße die kürzeste Verbindung zwischen Main und Odenwald.

Wir gehen an der Landesgrenze entlang in Richtung Norden, wo wir bald die Konradslust, eine Schutzhütte, erreichen. Von hier aus führen verschiedene Wege zurück ins Tal.

Ein paar Gedanken zum Schluss

Wir haben auf unseren Rundgängen und Wanderungen die reizvolle Gegend, die malerischen Ortschaften und hoffentlich bei einem gemütlichen Schoppen in einem der heimeligen Lokale oder urwüchsigen Häckerwirtschaften auch die Bewohner kennen gelernt. Nebenbei durften wir einen Blick zurück in die Geschichte werfen.

Dabei fällt auf, dass von den bedeutenden Bauwerken der Stadt keines endgültig durch Kriegseinwirkungen oder Gewalt zerstört wurde. Es war vielmehr die Zeit, die einstmals wichtige Einrichtungen, die nicht mehr benötigt oder durch andere ersetzt wurden, zerfallen ließ.

So ist vermutlich das Römerkastell verfallen, nachdem es von den Truppen verlassen wurde, die Grubinger Kirche wurde abgerissen, nachdem andere Gotteshäuser entstanden. Der Ringwall wurde aufgegeben, weil die Burg einen wirkungsvolleren Schutz bot, die Burg selbst brach im Laufe der Zeit zusammen, nachdem in der Stadt ein neues Schloss erbaut worden war.

Brunntorturm von der Burg aus gesehen

Blick auf die Dächer der Altstadt

Somit liegt der Wunsch nahe, dass auch künftig die Bürger der Stadt nur gegen den natürlichen Zerfall kämpfen müssen und in aller Zukunft vor kriegerischen Zerstörungen verschont bleiben mögen.

An dieser Stelle möchten wir Sie auf unsere Chronik der Stadt Klingenberg a.Main in drei Bänden mit ausführlichen Informationen zur geschichtlichen Entwicklung hinweisen, die Sie bei unserer Tourist-Information erhalten.
© 1983 Förderverein Historisches Klingenberg
Redaktion: Friedrich und Gudrun Berninger